Dystrophie


Im Mittelpunkt stand die Hungerkrankheit – die Dystrophie, die als
„trockene Dystrophie (Muselmann);
als feuchte Dystrophie (mit umfangreicher Wassersucht – Hautschwellungen, leicht verschiebliche Oedeme);
als gemischte Dystrophine“ auftrat.
Ursache für diese Krankheit war das Verabreichen einer kohlenhydrat-, kochsalz- und wasserreichen Kost, die, nochzumal selbst unzureichend, den Eiweiß- und Vitaminbedarf nicht deckte. Prof. Dr. H. Girgensohn beschrieb die Morphologie der Dystrophie als „relativ eintönig und dürftig,
da das Wesen des krankhaften Prozesses primär rein funktionell ist. Die sekundären gestaltlichen Veränderungen bestehen in einem fast vollständigen Abbau des Fettgewebes und einem weitgehenden Abbau des aktiven Protoplasmas vorwiegend der Leber, Skelett- und Herzmuskulatur, weiter der Keimdrüsen und des lymphatischen Gewebes.“ Bei Friedrich Hassenstein sah das äußere Erscheinungsbild des Dystrophikers folgendermaßen aus:
„Sein bis auf die Knochen abgemagerter oder durch Wasser aufgeschwemmter, mit Ausschlägen, Furunkulosen oder Phlegmonen bedeckter Körper entsprach seiner geistigen und seelischen Verfassung. Sein Wille war so weit geschwächt, daß er es nicht über sich brachte, nachts seine Notdurft außerhalb der Stube zu verrichten. Viele führten ihren Zustand selbst herbei oder beschleunigten ihn... Der Einfluß des Seelischen auf den körperlichen Verfall war überraschend groß... Bei manchen rief die Dystrophie regelrechte Verblödungssymptome hervor“.
Neben der „Untergewichtigkeit (sofern nicht die feuchte Form, bei der durch Flüssigkeit der Gewebeschwund verdeckt ist, vorliegt.)“ als Symptom der Dystrophie nannte Prof. Dr. Dr. Schenck weitere Einzelheiten des körperlichen Erscheinungsbildes:
„schlaff, schnell müde, verlangsamt, kraftlos, ausdrucksarm, oft abschilfernde Haut, Schweißausbrüche beim Essen, starker Harndrang,
äußerste Abmagerung, kaum Muskulatur, Gesicht eingefallen, tiefe Augenhöhlen, trockene Lippen, Rippen, auch Becken stark hervorstehend,
Haut in Falten weit abziehbar, – gegebenenfalls geschwollenes Gesicht, dicke Beine, Bauch aufgetrieben, oft gespannt, Gesäß geschwollen,
Schwellungen auf Druck verschwindend, an anderer Stelle aufscheinend. Haut ganz blaß, manchmal krakeleeartig gemasert. – Voralterung.
“6 Zum seelischen Erscheinungsbild stellte Schenck fest: „Zurückziehen auf sich selbst, Abwehren äußerer Bedrängnisse, schwindende Anteilnahme, Apathie, große Müdigkeit, Schlafsucht, Langschlaf, akute Schnelleistung nicht mehr möglich, insgesamt extrem psychisch verlangsamt.
Entweder keine Emotionen oder kindische Gereiztheit.“ Der Arzt Dr. Hans Deichelmann bemerkte bei den Dystrophiekranken in Königsberg/
Ostpreußen im Juni 1946 ein besonderes Stadium, „von dem ab keine noch so gute Ernährung derartige Ödemkranke noch zu retten vermag;
der ganze Verdauungsapparat ist dann so stark geschädigt, daß er die gebotenen Nährwerte aufzulösen und umzuformen nicht mehr in der Lage ist. Unaufhaltsam gleiten diese Kranken in den Tod...
Man kann es keinem Wassersüchtigen vorher ansehen, ob er noch heilbar oder unheilbar ist“.
Wegen der Priorität der Arbeitsunfähigkeit als Repatriierungsgrund kam 1945 die Mehrzahl der Menschen erst im schwerstkranken Zustand zur Entlassung.
Von ihnen verstarb eine große Anzahl noch vor der Heimkehr auf dem  wochenlangen Transport.