Irak 2004 – Vietnam -  Deutschland 1945:
Die Foltertradition amerikanischer „Befreier“

„Verbrecherische Qualen, um Geständnisse zu erpressen“
Wie zusätzliche „deutsche Kriegsverbrecher“ produziert wurden

US-Präsident Bush und Pentagon-Chef Rumsfeld erklären die schauderhaften Foltermethoden von „Befreiern“ im Irak zu „bedauerlichen Einzelfällen“. Es handele sich um „unamerikanische Aktivitäten“, die keinesfalls typisch seien. Die Botschaft hört man wohl. Doch Deutschen der Erlebnisgeneration des Zweiten Weltkrieges und zeitgeschichtlich unterrichteten Jüngeren fehlt der Glaube. Denn auch in anderen durch die USA „befreiten“ Ländern haben sich immer wieder ähnliche, teils noch schlimmere Geschehnisse abgespielt. Nicht zuletzt in Deutschland ab 1945.

„Geradezu sadistische Methoden“

Der evangelische Landesbischof von Württemberg Theophil Wurm war im Dritten Reich ein Wortführer der Proteste gegen die Versuche einer „Gleichschaltung“ der Religionsgemeinschaften. Er profilierte sich als Repräsentant der regimekritischen Bekennenden Kirche, appellierte nach der entsetzlichen so genannten Reichskristallnacht in einer Eingabe an Reichsjustizminister Gürtner, den „Demütigungen und Leiden“ der Juden Einhalt zu gebieten, protestierte auch im Krieg gegen die Judenverfolgung und verfluchte das NS-Euthanasieprogramm. Nach Kriegsende wandte er sich als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland gegen Siegerverbrechen und Besatzerwillkür. Im Mai 1948 schrieb er an den Nürnberger US-Hauptankläger Robert Kempner hinsichtlich der Tribunale gegen Deutsche: „Am meisten beeindruckt wurde ich von Dokumenten, aus denen zu ersehen war, dass bei den Vorbereitungen der Anklage in diesen Prozessen, die hernach mit Todesurteilen geendet haben, verbrecherische Quälereien angewandt worden sind, um Aussagen und Geständnisse zu erpressen.“

Der Stuttgarter Oberkirchenrat Rudolf Weeber, Vorsitzender der Inneren Mission in Württemberg, erstellte 1949 ein „Memorandum zu den Kriegsverbrecherprozessen“. Darin hieß es, deutsche Gefangene seien „dem aus der Kriegszeit überkommenen Hass und oft der Lüge schutzlos ausgeliefert“, der „Kriegszustand“ habe sich „vom offenen Feld in die Gerichtssäle verlagert“. Weeber geißelte in dem Memorandum, dass im US-Besatzergefängnis von Schwäbisch-Hall schwerste Misshandlungen an der Tagesordnung gewesen seien, „verbrecherische Methoden der Voruntersuchung“, teils sogar „unter gotteslästerlichem Missbrauch des Kruzifixes“. Entsetzliches sei ebenfalls im amerikanischen Vernehmungslager Oberursel (Taunus) geschehen und auch aus anderen US-Internierungslagern würden „geradezu sadistische Behandlungsmethoden“ geschildert.

„Von kranken Gehirnen“

Auf Material über Foltermethoden bei den Tribunalen gegen Deutsche, das ihm Kardinal Frings, Vorsitzender der Deutschen Katholischen Bischofskonferenz zugeleitet hatte, reagierte der amerikanische Apostolische Visitator Aloisius Munech am 27. November 1948 schriftlich wie folgt: „Man schämt sich wirklich, dass so etwas geschehen ist. Meine einzige Genugtuung in der Sache ist, wie aus den Namen ersichtlich, dass es nicht wirklich Amerikaner waren, die die Vorverhöre führten.“

Als sich die substanzfesten Nachrichten über sadistische Foltermethoden durch Besatzer in amerikanischer Offiziersuniform mehrten, erhoben sich auch in den USA Stimmen des Protestes. Am 20. Mai 1949 erklärte Senator Joseph R. McCarthy: „Als Anwalt und als Richter des Kreisgerichts in Wisconsin kenne und achte ich das amerikanische System der Justiz. Ich glaube, die Welt hat eine Demonstration amerikanischer Rechtspflege erwartet, die selbst auf unsere besiegten Feinde angewendet werden soll. Stattdessen sind Gestapo- und GPU- Methoden angewandt worden. Ich habe Zeugenaussagen gehört und dokumentarische Beweise gesehen, die besagen, dass angeklagte Personen Schlägen und körperlichen Misshandlungen unterzogen wurden in Formen, wie sie nur von kranken Gehirnen erfunden werden konnten. Sie wurden Scheinprozessen und –hinrichtungen ausgesetzt, man drohte, ihre Familien der Lebensmittelkarten zu berauben, welches alles die Ankläger rechtfertigten als notwendig zur Schaffung ‚der richtigen psychologischen Atmosphäre zur Erlangung von Geständnissen‘. Ich bin fest davon überzeugt, dass unschuldige Personen ebenso gut wie schuldige, auf diese Weise in die ‚richtige psychologische Atmosphäre versetzt‘, Geständnisse ablegen oder alles und jedes bestätigen werden. Ich will nicht, dass mörderische Nazis freigesetzt werden. Ich will nur, dass Unschuldige geschützt werden.“

Die USA amnestierten dann zwar viele von Foltertribunalen verurteilte Deutsche, doch eine offizielle Rehabilitierung unrechtmäßig Hingerichteter gab es ebenso wenig wie eine Aburteilung der Sadisten wegen ihrer verbrecherischen Quälereien.

„Warum macht Ihr mich nicht ganz tot?“

Ähnlich wie jetzt im Irak taten es auch damals im besetzten Deutschland manche Folterer in englischer Uniform dem Großen Bruder gleich. Der britische Publizist Alan Moorehead schilderte in seinem 1954 in London im jüdisch geführten Verlag „Weidenfeld & Nicolson“ erschienenen Buch „The Golden Horizont“, was im Vorfeld des britischen Militärtribunals von Lüneburg geschah:

„Als wir uns den Zellen der gefangenen SS-Männer näherten, begann der aufsichtsführende Sergeant schon im Voraus wild zu brüllen. ‚Wir hatten heute früh Vernehmungen‘, lächelte der Captain. ‚Ich fürchte, der Anblick ist nicht sehr hübsch.‘ Die Journalisten wurden in die Zellen geführt, die voller stöhnender, blutbesudelter Menschen waren. Ein Mann dicht zu meinen Füßen, dessen Hemd und Gesicht von Blut dick überkrustet war, machte vergebliche Versuche aufzustehen. Endlich kam er auf die Knie und schließlich mühsam auf die Füße und stand nun, heftig zitternd, die blutigen Hände hilflos von sich gestreckt, vor uns. ‚Auf mit Euch!‘ brüllte der Sergeant die anderen an. ‚Weg von der Wand!‘ Sie stießen sich mühsam ab und taumelten nach der Mitte der Zelle. In einer anderen Zelle hatte der englische Militärarzt soeben eine Vernehmung beendet. ‚Los!‘ schrie der Sergeant, ‚steh auf!‘ Der SS-Mann lag in seinem Blut auf dem Boden. Er kroch zu einem Stuhl, legte die Arme auf den Sitz und schob sich mühsam halb in die Höhe. Noch ein Schub: Er war auf den Füßen und warf uns flehend die Arme entgegen: ‚Warum macht Ihr mich nicht tot?‘ keuchte er. ‚Warum macht Ihr mich nicht ganz tot? Ich kann nicht mehr ...‘. ‚Das sagt er uns schon den ganzen Morgen, der dreckige Bastard‘, grinste der Sergeant.“